
Tumorrow
An dem Tag, an dem mein Freund Andi die Diagnose „kleinzelliges Lungenkarzinom“ erhielt, trafen wir eine Entscheidung: Wenn die Zeit begrenzt ist, würden wir sie in Hochgeschwindigkeit leben und uns auf dieser Reise von Erfahrungen nähren. Also stieg ich in den Zug, auf dessen Waggon Freundschaft stand, ohne zu wissen, in welche Richtung dieses Gleis führen würde. Auf der Fahrt gab Andi der Reise den Namen „Tumorrow“. In diesem Wort liegt mehr als nur ein Morgen: Es trägt den Tumor in sich, jenes Geschwür, dem wir gemeinsam den Kampf angesagt hatten, und zugleich das Versprechen eines nächsten Tages. „Tumorrow“ beschreibt Andi – radikal dem Leben zugewandt, sarkastisch, ironisch. Vielleicht habe ich erst durch diese Reise, mit all ihren extremen Momenten, begriffen, wer er wirklich ist und wer er in dieser neuen Situation zu sein versucht.
An meiner Seite war in all dem meine Frau Claudia. Weil sie unsere gemeinsame Leidenschaft für die Fotografie kannte, war es ihr Gedanke, diese Reise nicht nur zu leben, sondern auch mit der Kamera festzuhalten. Für Claudia und mich wurde diese Zeit zu einer Reise in unsere eigene Beziehung: Wir sind an Grenzen gestoßen, haben uns neu kennengelernt, sind zerbrechlich geworden – und daran gewachsen. Auf dieser Reise blickten Claudia und ich nie aus derselben Fensterseite wie Andi. Unsere Sicht war genährt von Hoffnung, aber durchzogen von einem klaren Bewusstsein für die Realität dieser Diagnose. Andis Perspektive hingegen war getragen von unerschütterlicher Hoffnung, tiefer Zuversicht und einer großen Portion magischen Denkens, im Wechsel mit seiner erstaunlichen Fähigkeit, alles Negative zu verdrängen.
Jemandem mit geschlossenen Augen die Hand zu reichen und sich mit ihm kopfüber in ein Abenteuer zu stürzen, ohne Licht, ohne Orientierung, verlangt Wahnsinn, Zuversicht, Mut, Kraft und Vertrauen. Vor allem aber verlangt es die Fähigkeit, auszuhalten, wenn ein Freund mehr braucht als nur Freundschaft. Ich wollte einfach dieser Freund sein – der Freund, von dem ich heimlich hoffe, ihn selbst einmal an meiner Seite zu haben. „Tumorrow“ ist die Aufzeichnung einer gemeinsamen Reise: einer Freundschaft, die sich dem Ticken der Zeit und dem Schatten des Krebses entgegenstellt, und einer Liebe, die im Hintergrund jeden Schritt mitträgt. Durch den Blick meiner Kamera möchte ich dir die Möglichkeit geben, Zeuge zu werden – Zeuge dafür, dass es Wege gibt, mit dieser Krankheit zu leben, vielleicht nicht morgen, aber im Morgen, das zwischen zwei Herzschlägen beginnt.























































































































































































